Warum „The LEGO® Movie 2“ verkannt wird

Eine Filmkritik von SHH-Mitglied Andi Alischer

Großartig, phänomenal, einzigartig, hervorragend, lustig, spannend, inspirierend! Dies sind nur einige positive Adjektive, die im Jahr 2014 den Film „The LEGO® Movie“ beschrieben hatten. Für den ersten Animationsspielfilm, der komplett auf Grundlage der dänischen Spielbausteine beruht, war es ein toller Erfolg. Über Nacht wurden Emmet, Wildstyle, Vitruvius, Einhorn-Kitty, Benny, Batman und viele mehr zu den Megastars aller LEGO Fans. Aller? Nein, denn so mancher AFOL (Adult Friend Of LEGO = erwachsener LEGO Fan) kam schon damals mit der Kritik an sich selbst nicht klar. „The LEGO Movie 2“ setzt diese Kritik fort, auch in Richtung der Kinder und Jugendlichen. Wer bei einer Fortsetzung die Erwartung auf „höher, schneller, besser“ auf ein Normalmaß zurückschraubt, der erlebt auch hier eine megatolle Mischung aus Fantasie, Realität und Selbstspiegelung. Ein klasse Film mit einer eindringlichen Handlung.

Man, in dem Falle ich, muss schon ganz schön fanverrückt sein. Nachdem ich „The LEGO Movie“ insgesamt vier Mal im Kino gesehen hatte (und unzählige Male danach auf DVD sowie im TV), setzte ich mir das Ziel, diesen Rekord einzustellen. Dank meiner SHH-Freunde habe ich es beim zweiten Film auf fünf Vorstellungen geschafft. „Verrückt!“ würde Emmet jetzt sagen, doch wie bei vielen Filmen entdecken wir erst beim zweiten oder dritten Hinschauen immer wieder neue Dinge. Das war es mir wert, diesen Effekt im Kino zu erleben. Und ganz ehrlich: Denken ist wie googlen – nur krasser! Nur steht für mich „googlen“ für „streamen“ sowie „denken“ für „ich muss mich an Zeiten halten“. Doch sorry, ich schweife ab. ich will ja über den Film philosophieren.

Die Handlung

Zuerst möchte ich euch einen Abriss des Films aufzeigen. Der zweite Teil beginnt mit dem Ende des ersten Films. Papa sieht ein, dass sein Sohn Finn „reif“ für große LEGO Landschaften ist. Dies hat zur Folge, dass nun auch Finns Schwester Bianca im Keller mitspielen und bauen darf. Der Schwenk zur virtuellen LEGO Welt ist naheliegend: während Papa und Sohn ihre Baufantasie pflegen, kommt nun die Schwester hinzu und fängt an, alles zu „zerstören“.

Die ehemaligen Bewohner von Steinstadt, dem Wilden Westen, Mittel-See-Land, Wolkenkuckucksheim, Clown-Town und anderen Orten sehen in der stetigen Zerstörung der Eindringlinge keinen Ausweg mehr und verdunkeln in ihrer neu errichteten Festung „Apokalypstadt“ ihr Leben. Fünf Jahre lang wehren sie die Angriffe der Bewohner des Planeten Duplon ab, die jenseits der Steintreppe in einer anderen Galaxie ihr Unwesen treiben. Superhelden flogen los, um sie zu bekämpfen – und waren nie wiedergesehen. In dieser düsteren und harten Welt bleibt Emmet der naive Optimist, dem alles Spaß macht und der alle seine Freunde so mag, wie sie sind. Das neue Haus, welches er für Lucy und sich gebaut hat, lockt allerdings erneut die Aliens an. Und auch die Eindringlinge haben sich „upgegradet“ und bringen Lucy, Batman, Einhorn-Kitty, Eisenbart und Benny in ihre Gewalt.

Emmet ist der einzige, der sich dann traut, um über die Steintreppe ins Systar System zu reisen, dort, wo die Duplons zu Hause sein sollen. Während er fast scheitert, lernt er Rex kennen, der Emmet rettet, eine sehr „rextreme“ Seite zeigt und dabei hilft, dass den Entführten geholfen werden kann. Rex ist ein Typ, der sehr hart mit seinem Umfeld umgeht – genau das Gegenteil von Emmet, den das wiederum beeindruckt, da er, wenn es nach Lucy geht, taffer und erwachsener werden möchte. Auf ihrer Reise ins Systar System lernen die beiden und alle anderen viele kuriose Lebewesen wie „General Mischmasch“, „Eistüte“, „Bananer“, „Susan“ und vor allem die Königin „Wasimma Si-Willi“ kennen. Mysteriös, dass vieles an einen Albtraum erinnert, den Emmet anfangs Lucy schilderte und in dem all seine Freunde in das „Ahmammageddoh“ stürzen. Eine Legende, so Gandalf, doch selbst Lucy erkennt bald, dass da etwas Wahres dran sein muss.

Während die Königin bösartig und Rex heldenhaft wirken, Emmets Freunde verändert auftreten sowie Emmet selbst sich wandelnd gibt, erfährt man relativ spät die wahren Absichten aller – und man wundert sich, welche Gradwanderung die meisten von ihnen durchleben oder auch schon durchlebt haben. Es gibt ein versöhnliches Ende, doch so erwartet man es nicht unbedingt. Für alle, die den Film nicht oder noch nicht gesehen haben, will ich auch nicht allzu viel verraten. Schaut ihn euch einfach an!

Die Kritik

Was hat Teil Eins eigentlich so besonders gemacht? In meinen Augen haben die Regisseure Phil Lord und Chris Miller nicht nur eine wunderbare digitale LEGO Welt erschaffen, die zeigt, dass mit Bausteinen wirklich fast alles gebaut werden kann. Und das ist es, was in meinen Augen unsere Community ausmacht: Modelle bauen! Doch zu sehr beanspruchen wir Erwachsenen diese Welt für uns, nur wir können das so gut und eigentlich sogar am besten ganz allein. Die Zeile in dem Titelsong lautet „Everything is awesome – everything is cool, when you’re a part of the team“. Aber Teamplayer sind wir als „Adults“ dann doch nicht sehr oft. Und genau das war es, was die Produzenten aufzeigten: der Vater, der alles besser und allein kann – er braucht seinen Sohn nicht. Der hat ja keine Ahnung und bringt alles durcheinander. Erst als fast alles zu spät ist, erkennt er, dass sein Sohn auch dieses (oder sogar ein besseres?) Potenzial entwickelt hat und sie im Team zusammenarbeiten können.

Der Folgefilm zeigt lediglich auf, dass nun der Sohnemann sich in seiner Einzigartigkeit bedroht fühlt. So ähnlich stelle ich mir die Gedanken vor: „Warum darf das meine Schwester nun auch? Ich bin doch der Besondere?!“ Gut, im Film gelingt der Schwenk, dass Finn als Älterer zunächst auf Bianca zugeht. Doch dieses misslingt kläglich und er zieht sich in seine Welt zurück. Wer Geschwister hat, kennt das. Und spätestens im Kindergarten stoßen wir an diese Grenzen des Gemeinsamen, wenn wir auch ohne Geschwister groß werden. Also spiegelt es die Realität wieder? Ich sage eindeutig: ja!

Wer nun erwartet hat, dass das eigens erkorene Lieblings-Set, welches die Firma TLC im Vorfeld auf den Markt warf, hauptsächlich zu sehen ist, sollte daran erinnert werden, dass der Film nicht nur aus einer einzigen Szene besteht. Zugegeben, das Set Apokalypstadt Nr. 70840 finde ich außerordentlich gut gelungen und sobald es in dem Film auftaucht, erreicht einen schon das Verlangen nach mehr und dem Wunsch, es aufzubauen. Diese Weltuntergangsstimmung ist demnach kurzweilig. Doch mal ehrlich – es bleibt ein Kinderfilm, also bitte, es ist okay, dass der Film nicht nur düster ist.

Die Musik macht’s (auch)

Was mich gleich zu einem weiteren Effekt führt, den der Film mit sich bringt. Anders als beim Vorgänger lebt der Film auch ein wenig mehr von der Musik. Ja, es geht teilweise sogar musicalähnlich zu. Doch nicht nur ich empfand den Anteil als genau richtig (es sind während des Films nur sieben von gesamt 43 Titeln). Außerdem solltet ihr im Englischen und Deutschen auf den Inhalt der Musikstücke achten. Sehr gehaltvoll und aussagekräftig. Allein die Songs der Königin „Nicht böse“ und „Gotham City Boys“ unterstreichen den Witz in Richtung ihrer Absichten. Hinzu kommt, wie wandel- und beeinflussbar das Ganze ist. Wem ist eigentlich aufgefallen, dass Emmet beim Gesang kaum einbezogen wurde? Wunderbar passt auch „Dieser Song ist ein echter Ohrwurm“ – bei wem da nicht die Laune steigt, der geht zum Lachen in den Unterkeller.

Am meisten mag ich den Song „Hello me & you“. Er ist im Abspann zu finden und beschreibt genau das, was der Film aussagen möchte „Hey, zusammen geht es besser, zusammen bekommen wir das hin!“ Naja, wer möchte denn schon in unserer Ellenbogengesellschaft zugeben, dass eine Zusammenarbeit besser wäre… und dann noch einsehen, dass es auch wichtig ist, dass wir unsere Ego-Schiene mal zurückstellen. Wer diejenigen kennt: ihr seid echte Glückspilze! Doch nach meinen Erlebnissen als Arbeitnehmer, Ehrenamtlicher und seit vielen, vielen Jahren als erwachsener LEGO Fan stelle ich immer wieder fest: nein, die Masse möchte das immer weniger, als wir es benötigen! Eine triste Wendung. Das ist für mich die wahre Apokalypse!

Da erscheint aus meiner Sicht „The LEGO Movie 2“ genau die richtige Medizin zu sein. Die Handlung zeigt uns das gesellschaftliche Spiegelbild, welches in der Familie auch seinen – natürlichen – Ursprung nimmt. Es geht um Konkurrenz, um das Ich-Gefühl. Ich möchte die Nr. 1 sein und bin ich es nicht, dann ist das alles doof. Wirklich? Nur wer Erster ist, ist cool? Nur wer immer mehr hat, ist der Beste? Hm, das ist nicht meine Welt. Und das ist auch nicht die Welt der Darsteller in diesem Film. Letztlich, und darauf kommt es an, ist es wichtig, dass wir erkennen, wie wir gemeinsam Ziele verwirklichen können. Es funktioniert – nämlich dann, wenn jede/r auch mal zurücksteckt und dem anderen hilft. Dem anderen zeigt „so geht es auch“ und das eigene Wissen nicht nur für sich bunkert. Kinder, die sich an die Werte Respekt und Toleranz erinnern (soweit sie das kennenlernen durften) bekommen das hin. So zeigt es auch der Film: aus Konkurrenten werden Partner.

Und an dieser Stelle wird es kritisch mit uns „Adults“. Wir sind, besser, ich bin doch der Beste?! Es darf keinen anderen geben! Man meint, dass wir in unserer Community davon nur Ausnahmen haben. Aber allein der Gedanke, dass jede Fangruppe jemanden bei sich kennt, zeigt, so wenige können es auch wieder nicht sein. Und je größer die Gruppe, desto höher besteht die Gefahr, dass sich diese Zahl mehrt. Da hilft wiederum nur ein Miteinander in der Gruppe. Doch wer gibt denn gern zu, dass es solche Mitglieder gibt oder die Gruppe es nicht hinbekommt? Das sind eher Wenige.

Das Fazit

Mich hat der Film super unterhalten. Ich habe mich als Geschwisterkind und als AFOL definitiv wiedererkannt. Die Darstellung der LEGO Welten ist für mich abwechslungsreich, bunt und dennoch oftmals düster gehalten (auch nach der Apokalypstadt, z. B. in dem Schmelzwerk des Wolkenpalastes). Der Übergang vom ersten zum zweiten Film ist gelungen und auch der Witz kommt nicht zu kurz. Allein wegen Bruce Willis ist er das Lachen wert. Die Charaktere bilden ab, wie aus einem Kind ein Jugendlicher wird, der nicht weiß, ob er das Spielen aufgeben oder sich für das reine „Erwachsen sein“ entscheiden soll. Die Musik ermuntert mich und spätestens beim Durchleuchten der Texte vergisst man den Musical-Charme. Er inspiriert mich, weiter daran zu glauben, dass Teamarbeit gelingen kann und wichtiger ist, als nur seinen eigenen Vorstellungen zu folgen. Was mir außerdem sehr gut gefällt ist die Mischung der LEGO Themen: Fabuland-, Mini- und Friends-Figuren sowie Duplo Steine finden gleichermaßen Platz – so, wie die wirkliche Spielwelt von LEGO ist.

Der Film wurde aus meiner Sicht zu Unrecht schlecht geredet – leider auch viel von der LEGO Fan-Welt selbst. Egal, ob man nun Teil 1 oder 2 besser findet, wir können uns alle darin wiederfinden. Ich mag den Film sehr – er bekommt von mir sechs von fünf Sternen!